September 1, 2019

Buchtipp: Jens Steiner, Mein Leben als Hoffnungsträger

Das Buch handelt von Philipp, einem jungen Mann ohne Ambitionen und ohne Ziel, er landet auf dem Recyclinghof, betrachtet das geschäftige Treiben mit Ueberfluss. Jens Steiner hat eine wunderbare Sprache und bringt es fabulierend auf den Punkt, hier zwei tolle Ausschnitte:

.... und fragt: »Und was macht er da genau?« »Keine Ahnung. Ein halbes Arbeitsleben Teppichetage, seit zehn Jahren hat seine Arbeit einen englischen Namen. Aber Mutter und ich wussten schon vorher nicht, was er tat. Bekannt ist nur das Drumherum: Bonuszahlungen, reichlich Spesen, Geschäftsreisen mit Uebernachtungen in den besten Konferenzhotels, all das. Und natürlich ein fetter Lohn. icht dass er ein besonders ambitionierter Mensch wäre. Guter Durchschnitt, nicht mehr, nicht weniger. Er ist in all den Jahren einfach immer weiter hinaufgereicht worden. Jetzt hockt er da oben und keiner begreift, was er tut.« »Mag er seine Arbeit wenigstens?« »Hab ich bis jetzt nicht herausgefunden«, antworte ich. Falls er es nicht tut, stört sie ihn aber wahrscheinlich nicht groß. Vielleicht reicht es ihm, wenn alles irgendwie ein Stück weit gut gemeint ist.« »Und deine Mutter?« »Hat kürzlich ihre dritte Ausbildung abgeschlossen. Sozialpädagogin. Davor war sie Musiktherapeutin. Und vorher Logopädin. In spätestens fünf Jahren wird sie mit der nächsten Ausbildung anfangen."

....Noch sitzt der Tag in den Startlöchern. Ich sitze auf meiner Bank und tue, was ich immer tue. Inmitten der ganzen Herumrennerei unserer Tage bleibt eine Trägheit, die wir uns nicht austreiben lassen: Man wohnt heute weniger lange am gleichen Ort, man wechselt oft die Stelle, den Beruf, die Frau, den Mann, und doch hat man das meiste, was man gerade tut, auch am vorherigen Tag und am vorvorherigen und am vorvorvorherigen getan. Ich weiß nicht, ob mich diese Erkenntnis beruhigt. Ich nehme einen weiteren Schluck Kaffee.